Eine Reise nach Norwegen weckt den Wunsch nach einsamen Fjorden, endloser Weite und absoluter Freiheit hinter dem Lenkrad. Doch die Realität an den bekannten Hotspots sieht in der Hauptsaison oft anders aus. Wer sich Mitte Juli in den Stau am Geirangerfjord einreiht oder versucht, auf dem Trollstigen zwischen unzähligen Reisebussen und Wohnmobilen im Schritttempo zu navigieren, verliert doch schnell die romantische Vorstellung einer Reise durch Norwegen.
Wir haben uns deshalb auf die Suche nach einer Alternative gemacht. Eine Route, die das Versprechen von spektakulärer Natur einlöst, aber die am meisten überlaufenen Nadelöhre ganz bewusst umschifft. Entstanden ist ein Roadtrip entlang der Westküste, der dich in zwei bis drei Wochen durch die abwechslungsreichsten, dramatischsten und magischsten Landschaften des Westens führt. Und das so ruhig, wie es im norwegischen Sommer eben möglich ist. Du wirst auf der Route nicht alleine unterwegs sein, aber deutlich entspannter und ruhiger als auf den sonst oft beschriebenen und beworbenen „Highlight-Routen“ durch Südnorwegen.

Entspannt anreisen: Warum deine Fjord-Route direkt in Bergen starten sollte
Der Schlüssel zu einer entspannten Rundreise liegt schon im ersten Schritt der Planung: der Anreise. Anstatt sich nach der Fährüberfahrt in den Süden Norwegens, in der Regel von Hirtshals nach Kristiansand, über die Autobahnen der Südküste viele Stunden nordwärts zu kämpfen, starten wir die Reise mit der direkten Fährfahrt von Hirtshals nach Bergen. Das erspart dir nicht nur knapp zwei Tage Fahrt, sondern du beginnst deine Reise durch Norwegen genau dort, wo du hinmöchtest – an der wilden Fjordküste des Landes. Du gleitest am Morgen mit dem Schiff durch die super schöne Schärenlandschaft, gehst noch entspannt frühstücken und rollst mit dem Camper völlig ausgeruht direkt in Bergen von der Rampe. Dort wo das Abenteuer beginnt.

Eine wichtige Ausnahme gibt es jedoch für alle, die mit einem Hund reisen oder schlichtweg keine Fans von langen Fährpassagen sind. Die lange Fährfahrt nach Bergen ist für Vierbeiner oft stressig und es gibt nur wenige Hundekabinen, die oft schnell ausgebucht sind. In diesem Fall ist die kurze Fährüberfahrt von Hirtshals nach Kristiansand vielleicht die bessere Wahl für dich. Von dort aus wählst du den Landweg in Richtung Norden. In diesem Fall solltest du für die kürze Variante der nachfolgenden Route ebenfalls ca. drei Wochen Zeit einplanen.
Das Aurlandsfjell: Auf der Schneestraße über den Fjorden fahren
Sobald Bergen im Rückspiegel verschwindet, ändert sich die Welt. Wir lassen die Zivilisation hinter uns und steuern direkt eines der fahrerischen Highlights der Route an: das Aurlandsfjell. Auch bekannt als die Schneestraße, schraubt sich diese Landschaftsroute vom Ufer des tiefblauen Aurlandsfjords in dramatischen, engen Serpentinen hinauf in eine völlig andere Klimazone. Während unten im Tal üppiges Grün dominiert, erreichst du auf dem Hochplateau eine karge, von Gestein, Flechten und selbst im Hochsommer oft von Schneeresten geprägte Mondlandschaft. Es ist ein Ort der extremen Kontraste, der dir das Gefühl gibt, über dem Rest der Welt zu schweben. Wenn der eisige Wind über die Hochebene fegt und du aus dem warmen Cockpit deines Campers auf die endlosen weiten Felsformationen blickst, spürst du die pure, wilde Energie Norwegens. Diese Straße verlangt ein wenig Respekt und Konzentration, aber sie belohnt dich mit einem ersten ganz besonderen Erlebnis.




Wichtige Info für die Nebensaison: Solltest du bereits früh im Jahr unterwegs sein wollen (im April oder Mai), dann wird die Straße über das Aurlandsfjellet noch gesperrt sein. In der Regel öffnet diese erst im Juni, wenn sicher kein Neuschnee mehr fällt. In dieser Zeit kannst du entweder den Weg durch den 24 Kilometer langen Lærdalstunnel, den längsten Straßentunnel der Welt, nutzen oder aber über das Vikafjell in Richtung Vangsnes fahren. Auch diese Straße kann je nach Witterung temporär gesperrt werden, ist aber grundsätzlich das ganze Jahr über befahrbar.
Das Gaularfjell: Norwegens Panoramapass entlang des Wassers
Von den windgepeitschten Höhen führt uns die Route weiter zum Gaularfjell, einem echten Geheimtipp unter den norwegischen Landschaftsrouten. Während andere Pässe oft in jedem Reiseführer stehen, fliegt das Gaularfjell noch immer wunderbar unter dem Radar. Es ist die Route des Wassers. Anstatt steiler, bedrohlicher Klippen erwartet dich hier eine eher sanftere, aber nicht weniger spektakuläre Schönheit. Du fährst entlang rauschender Flüsse, klarer Bergseen und unzähliger Wasserfälle, die sich sprudelnd ihren Weg durch die üppig grünen Täler bahnen. Ein absolutes Muss ist der Stopp an der spektakulären Aussichtsplattform Utsikten, die wie ein architektonisches Kunstwerk über dem Abgrund thront. Das Gaularfjell bietet unzählige kleine Parkbuchten und Ausweichstellen, an denen du die Schiebetür öffnen und das absolute Gefühl der Entschleunigung genießen kannst. Die Panoramastraße ist eine der ersten großen Highlight-Routen in den Fjorden, die im Frühjahr öffnet. Meist geschieht dies zwischen Ende März und Anfang Mai.



Das wilde Vestkapp & die Surfer-Bucht Hoddevik
Je weiter wir uns in Richtung Norden vorarbeiten, desto rauer und kühler wird die Luft. Unser nächstes Ziel ist das Vestkapp, der westlichste Aussichtspunkt des norwegischen Festlandes auf der Halbinsel Stadlandet. Doch bevor wir diesen noch immer ziemlich unbekannten Ort erreichen, fahren wir noch durch das spektakuläre Tal Stardalselva und genießen die lange entspannte Straße entlang des berühmten Nordfjords. Hier kann es gut sein, dass dir das ein oder andere große Kreuzfahrtschiff auf dem Weg in den Hafen von Olden begegnet. In die entgegengesetzte Richtung unserer Westküsten-Route.

Das Vestkapp liefert genau das ungezähmte Küstengefühl, nach dem wir suchen. Die Fahrt hoch hinauf auf das karge Plateau ist oft von stürmischen Winden und tiefhängenden Wolken geprägt, was die Atmosphäre nur noch dramatischer macht. Wenn du oben stehst und auf den tobenden Atlantik weit unter dir siehst, fühlst du dich wie am Ende der Welt.



Doch das Vestkapp hat noch ein zweites Gesicht. Nur ein paar Kurven weiter unten öffnet sich die Bucht von Hoddevik. Umgeben von steil aufragenden Bergen liegt hier ein sichelförmiger, weißer Sandstrand mit türkisblauem Wasser, der Surfer aus aller Welt anzieht. Selbst wenn du kein Brett unter den Füßen hast, ist das Beobachten der Wellenreiter im eisigen Wasser bei einer heißen Tasse Kaffee aus der Camper-Küche der Inbegriff von nordischer Freiheit.
Unser Tipp: Die absolut schönste Aussicht auf den Strand hast du übrigens bei einer Wanderung auf den Aussichtsberg „Mosekleivhornet“. Eine Tour, für die du dir einige Stunden Zeit nehmen solltest und die auch in unserer ausgearbeiteten Route ein fester Programmpunkt ist!






Vogelinsel Runde: Hautnah Papageientaucher beobachten
Von den wilden Wellen der norwegischen Küste steuern wir eines der faszinierendsten Naturerlebnisse der gesamten Reise an. Über mehrere Brücken, die sich über den Ozean spannen, erreichen wir die Vogelinsel Runde. Diese kleine Insel ist weltberühmt für ihre enormen Vogelkolonien, allen voran die putzigen Papageientaucher, die hier zwischen Frühjahr und Sommer zu mehreren zehntausend Paaren nisten. Ein abendlicher Aufstieg zu den Klippen, wenn die Vögel von der Jagd auf dem offenen Meer zurückkehren und dicht über die Köpfe der Beobachter hinwegschwirren, ist ein Moment, der Gänsehaut garantiert.
Doch dieses sensible Ökosystem erfordert absolute Rücksichtnahme. Freistehen oder Wildcampen ist auf der gesamten Insel strengstens verboten und wird zurecht massiv kontrolliert. Die perfekte Lösung ist der offizielle Campingplatz am Ende der Straße in Goksøyr. Er dient als ideales Basislager. Du stehst direkt am Wasser, unterstützt die lokale Gemeinschaft und hast den direkten Zugang zum Wanderweg hoch zu den Vogelfelsen buchstäblich vor der Camper-Tür.








Wichtiger Hinweis: Die Puffin-Saison geht jährlich etwa von Mitte April bis Mitte August. Anschließend verlassen die süßen Vögel das sichere Festland und verbringen den Rest des Jahres auf dem offenen Ozean. Du solltest deine Reise also entsprechend in diesem Zeitraum planen, wenn du dieses Erlebnis auf keinen Fall verpassen möchtest!
Ålesund mit dem Wohnmobil: Zwischen Jugendstil & Panorama-Ausblick
Nach all wunderschönen Natur bietet die nächste Etappe einen perfekten Kontrast. Wir erreichen Ålesund, die Stadt, die buchstäblich ins Meer gebaut wurde. Nach einem verheerenden Stadtbrand im Jahr 1904 wurde Ålesund in kürzester Zeit im Jugendstil komplett neu errichtet, was ihr eine für Skandinavien völlig einzigartige Architektur verleiht. Ein Spaziergang entlang des Brosundet-Kanals, wo sich die bunten Fassaden der alten Handelshäuser im Wasser spiegeln, gehört zu den schönsten urbanen Erlebnissen in Norwegen. Ålesund lädt dazu ein, das Wohnmobil für einen Tag stehenzulassen, durch die Gassen zu schlendern und in einem der gemütlichen Cafés am Hafen Zimtschnecken und hervorragenden Kaffee zu genießen. Die Stadt ist sehr wohnmobilfreundlich und bietet zwei fantastische, offizielle Stellplätze direkt am Wasser an, die du unbedingt nutzen solltest.





Der perfekte Abschluss deines Ålesund-Besuchs ist der Aufstieg über die über vierhundert Stufen hinauf zum Aussichtspunkt Aksla. Wenn die Sonne langsam im Meer versinkt und die Stadt unter dir in ein goldenes Licht taucht, hast du ein weiteres perfektes Postkartenmotiv auf deiner Reise eingefangen.





Die 2-Wochen-Rückreise: Über den Sognefjellsvegen zurück nach Bergen
Für alle, die ein Zeitbudget von vierzehn Tagen (zusätzlich zur Anreise) haben, markiert Ålesund den Wendepunkt der Reise. Doch anstatt einfach dieselbe Strecke zurückzufahren, schlagen wir für den Rückweg nach Bergen eine komplett andere, super spektakuläre Route durch das Landesinnere ein.
Wir meiden bewusst das Verkehrschaos rund um den Geiranger und steuern direkt auf das Sognefjell zu. Der Sognefjellsvegen ist die höchste Passstraße Nordeuropas und schraubt sich auf über 1.400 Meter Höhe hinauf. Die Fahrt führt dich mitten durch das Jotunheimen-Gebirge, das Reich der Riesen. Du navigierst deinen Camper vorbei an türkisfarbenen Gletscherseen, massiven Schneefeldern und schroffen Gipfeln. Die Dimensionen hier oben sind so gewaltig, dass man sich am Steuer unfassbar klein fühlt. Der Kontrast zwischen den tiefen Fjorden der Vorwochen und dieser alpinen Hochgebirgswelt könnte nicht extremer sein und macht den Rückweg nach Bergen zu einem ganz eigenen Erlebnis!




Das 3-Wochen-Add-on: Über die Atlantikstraße ins Dovrefjell
Wer das Privileg hat, drei volle Wochen Zeit zu haben, biegt in Ålesund noch nicht in Richtung Süden ab, sondern hängt ein weiteres, fast schon legendäres Kapitel an diese Route an. Das Add-on für die dritte Woche führt dich weiter die Küste hinauf bis zu dem kleinen Fischerdorf Bud. Hier beginnt die weltberühmte Atlantikstraße, ein architektonisches Meisterwerk, das sich in geschwungenen Kurven über unzählige kleine Schären und Brücken direkt durch das offene Meer schlängelt. Die Fahrt über die Storseisundet-Brücke, die sich wie eine Rampe ins Nichts aufbäumt, ist ein Erlebnis, das in jedes Norwegen Roadtrip-Tagebuch gehört.






Nach diesem letzten Abenteuer am Ozean führt dich der dreiwöchige Routenplan in einem weiten Bogen durch das tiefe, unberührte Landesinnere zurück. Zuerst tauchst du ein in die besondere Natur rund um den Dovrefjell-Nationalparks bevor du die schließlich ebenfalls über den Sognefjellvegen und durch den Lærdalstunnel zurück nach Bergen fährst.




Egal ob du dich für die kompakte Zwei-Wochen-Runde entscheidest, oder dir den Luxus der dreiwöchigen Erweiterung gönnen kannst – unsere Westküsten-Tour ist der Versuch einer ehrlichen Antwort auf überfüllte Hotspots. Sie verlangt an manchen Tagen fahrerisches Geschick, sie belohnt dich mit Wetterextremen und sie schenkt dir genau die Momente der Freiheit, wegen derer wir selbst das Reisen im hohen Norden so sehr lieben.
In diesem Sinne: Let’s roadtrip the world!
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